Karma

© Wilfried Schütz 2016

Einige Gedanken zum Karma: Karma (Sanskr. Wirken) bezeichnet ganz einfach unser geistiges, seelisches oder körperliches Wirken und die aus diesem Wirken entstehenden Konsequenzen. In der Regel wird Karma mit dem Gedanken der Reinkarnation verbunden. Es ist das Gesetz von Ursache und Wirkung, das über die Grenzen unseres körperlichen Lebens hinaus wirkt. Jede unserer Taten wie auch jeder unserer Gedanken hat seine Wirkung in unserer Aussenwelt, im Gegenüber, dem „Opfer“, und Karma sorgt dafür, dass wir auch diese Opferseite unserer Tat erleben werden. Im Hintergrund sollten wir wissen, dass diese Aussenwelt nichts anderes ist, als die Widerspiegelung unserer eigenen unbewussten "Innenwelt". Dabei kann die Erfahrung als „Opfer“ wunderschön oder qualvoll und traumatisch sein, je nach der Tat, die wir vollbrachten. Anders ausgedrückt, aus jeder Tat entsteht eine Frucht, die derjenige erntet, der sie gesät hat (Gal 6.7):

"Denn was immer ein Mensch sät, dies wird er auch ernten; ..."

Im Karma begegnen wir "Gottes Gerechtigkeit". Mit der Idee des Karma verbindet sich keinesfalls der Gedanke der Belohnung oder der Strafe. Es gibt auch keine karmischen Prüfungen. Wer sollte uns denn prüfen? Doch nur jemand, der um unseren Zustand nicht weiß! Da Gott unsere Entwicklung kennt, fällt er als Prüfer aus, und es bleibt niemand mehr übrig, uns zu prüfen. Nur unser eigenes EGO (Saturn) prüft sich selbst, um herauszubekommen, wie „GUT“ es ist.

Unser Wirken ist abhängig von unserem Bewusstsein. Die Grenzen, die in unserem Bewusstsein existieren, werden in der Konsequenz zu Grenzen und Hindernissen in unserem Leben, und dafür sorgt Karma. Anders ausgedrückt: Wir werden Opfer der Grenzen, die wir in der Vergangenheit vertreten haben und denen wir unsere Umwelt unterworfen haben (Saturn, Elternrollenspiel). Letztendlich bedeutet das, wo wir geboren werden, wen wir treffen, wie unser Leben verläuft, welche Freude und welches Leid wir erleben und wie wir letztendlich sterben, ist karmisch bedingt, nämlich die Folge unseres begrenzten Bewusstseins (Saturn) und unseres daraus resultierenden früheren Handelns. Durch freiwilliges Leid können wir deshalb kein Karma abtragen.

Die einzige Kraft, die alles bewirkt, ist unser Bewusstsein (Geist), und wenn dieses in Not ist, wird es im Leben Not bewirken. Die Not entsteht aber nicht zum Selbstzweck oder zur Bestrafung, sondern einzig aus dem Grund, uns unsere Bewusstseinsnot bewusst zu machen und sie damit zu wenden. Karma ist damit das notwendige Wirken, das nicht mit dem Tod endet, sondern über Inkarnationen hinweg wirkt.

Die Rolle Plutos / Skorpions im karmischen "Spiel"

 

In unserer polaren Welt spaltet sich unser SELBST und jede seiner Taten in zwei Teile: Dem aktiven Täter (EGO) tritt die passive erlebende Seite (DU) gegenüber. Der Täter trifft durch die Vermittlung der Venus / Waage (Begegnung) auf sein Opfer. Da der Täter aufgrund seiner Bewusstseinsspaltung (Saturn) nicht gleichzeitig auch das Erleben des Opfers in sich erfährt, sorgt Pluto / Skorpion dafür, dass ihm in einer späteren Umkehr der Rollen auch diese Seite seiner Tat bewusst wird. Aus dem Täter wird das Opfer! Diese Ergänzung bzw. dieser Ausgleich wird in den östlichen Weisheitslehren als Karma bezeichnet. Solange unsere Taten von Liebe getragen waren und sind, entstand und entsteht daraus kein Leid.

 

Da zudem unser Bewusstsein durch den Fall Saturns (Engelsturz, Sündenfall, Urteil) einseitig wurde, erschaffen wir nur noch das bewusst, von dem wir überzeugt sind, dass es für unser EGO oder die Welt GUT bzw. von Vorteil sei. Die zweite Hälfte, die BÖSE, den Schatten des GUTEN, gestalten wir aber unbewusst mit. Diese unbewusste Seite aber entfaltet ihre Wirkung im DU, der Projektion unseres Unbewussten. Dieses DU wird zum Opfer unserer Tat. Da wir vorhaben, für uns ein privates Paradies zu errichten, das nur schön sein soll, projizieren wir und überlassen damit die unschöne Seite den anderen, dem DU. Unsere Freude wird damit zum Leid der anderen. Der Herr erfreut sich seiner Sklavin, und die Freude des Herren wird allzu oft zum Leid der Sklavin. Da das DU jedoch lediglich der Spiegel des in uns unbewusst vorhandenen ist, entsteht das Leid auch in uns, jedoch unbewusst! So kommt es, dass unser seelisches Wasser  (Skorpion) mit dem „Schmutz“ unverarbeiteter Erlebnisse belastet wird.

 

Skorpion als Seelenkraft trägt aber die Verbindlichkeit gegenüber dem ganzen geistigen Handlungsauftrag (Schütze) in sich. Solange wir noch nicht erfahren haben, wie sich bei unserer Täterschaft das Opfer fühlte, wir also die zweite Seite noch nicht erlebt haben, behält sie Pluto / Skorpion in seinem, unserem EGO unbewussten, Gedächtnis. Die noch notwendige Erfahrung erzeugt er dadurch, dass er, oft in einer nachfolgenden Inkarnation, im Außen unter gleichnishaft ähnlichen Bedingungen einen Täter anzieht, der uns diesmal die Opferseite erleben lässt. Überfordert uns bei dieser Opfererfahrung der Schmerz des Erlebens, dann flüchten wir in die Betäubung (Ohnmacht) oder wir treten aus unserem Körper aus. So bleiben Teile der Opfererfahrung weiterhin unbewusst und unverarbeitet. Sie existieren dann als affektgeladene Bilder in unserem Unbewussten weiter. Im Extrem resultiert hieraus beispielsweise die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

 

Die noch unverarbeiteten Bilder unserer Erfahrungen sind die Geister, die wir in der Vergangenheit gerufen haben. Sie bevölkern unsere Unterwelt (Seele) und können aus ihr eine Hölle voller Schrecken machen. Es sind jene Geister des ES, deren Manifestation der Wiener Arzt und Psychologe Sigmund Freud fürchtete. Von dort aus steigen sie ins Vorbewusste, in unsere Träume, auf und lassen sie zu Albträumen werden. Schweißgebadet wachen wir aus Angst vor diesen furchterregenden dunklen Gestalten auf. Manchmal sind sie aber auch so stark energetisch aufgeladen, dass sie sich als Erscheinung manifestieren und wir, wie Martin Luther, ein Tintenfass nach ihnen schleudern. Oft projizieren wir die Inhalte auf die recht harmlosen Spinnen oder Ratten und bilden ihnen gegenüber Phobien aus. 

 

Ebenso wie wir kollektiv unsere Abwässer klären müssen, um nicht in einer zunehmend verschmutzten Welt zu versinken, müssen wir auch in unserem Inneren die belasteten Wasser unserer Seele klären.

 

Wie wir dies machen können, zeigte uns gleichnishaft der griechische Held Herakles, der Sohn von Alkmene und Zeus, als er auf seinem Entwicklungsweg die Aufgabe erhielt, den verschmutzten Viehstall des König Augeias, der schon jahrelang nicht mehr gereinigt wurde, an einem einzigen Tag zu reinigen. Zunächst durchbrach er die Mauern der Stallungen um den Mist herum. Danach leitete er die benachbarten Flüsse durch den Stall und schwemmte ihn mit Hilfe dieses Wassers rein. Die Mauern in diesem Gleichnis symbolisieren die Abwehr, die wir der Bewusstwerdung der Inhalte (Mist) unserer Unterwelt (Hölle) entgegensetzen. Die Flüsse sind hierbei die Ströme unserer Gefühle, die wir durch unsere Unterwelt leiten müssen, um sie zu reinigen.

 

Für das „Ausmisten“ stehen uns zwei Wege offen. Beides sind Wege der Therapie. Auf dem einen konfrontiert uns Pluto im alltäglichen Leben ein weiteres mal mit einem Täter, wobei die Intensität der Opfererfahrung um das schon Erlebte und Verarbeitete verringert ist, oder wir unterziehen uns einer Psychotherapie, gehen in der Zeit zurück zum vergangenen traumatischen Erlebnis und lassen unsere unbewussten damaligen Schmerzerlebnisse nach und nach in unser Bewusstsein treten. Erst nachdem wir alles mit unserem Gefühl durchlebt haben, ist der Gefühlsinhalt unserer (Gedächtnis-) Bilder „verbrannt“ bzw. gelöscht, und wir können uns wie Phönix aus der Asche erheben. Der Phönix ist das altägyptische Symbol der Kraft, die uns zum Zwecke des Sterbens und wiedergeboren Werdens durch unsere Unterwelt leitet. Er ist ein Symbol der Seelenreinheit.

 

Dieses Sterben und Wiederauferstehen ist ein lang anhaltender Wandlungsprozess, der absolut notwendig ist. Denn würden wir ihn nicht vollziehen, blieben wir in unserem Handeln immer mehr an alte Rollen, Muster und Pflichten gebunden. Das Vergangene, die längst gestorbene Aufgabe, Vorstellung oder Erwartung, die wir glauben noch immer erfüllen zu müssen, würde dann mumifiziert „überleben“ und immer mehr Raum in unseren Lebensaktivitäten einnehmen. Zunehmend verbraucht dieses Untote zum weiteren Überleben unsere Lebensenergie (Vampirismus), so dass wir immer weniger Energie zur Entfaltung unserer eigenen wirklichen Lebendigkeit zur Verfügung haben. Die Pflichten werden immer lebendiger und unser SELBST stirbt immer mehr ab. Im Sinne der Lebendigkeit „tot“ sind wir nicht mehr in der Lage, unserem Heiligen Geist (Wassermann) zu folgen. Dies ist auch der Hintergrund der Aussage von Jesus zur „Rechten Nachfolge“ (Mt 8,21):

 

"Ein anderer aber von seinen Jüngern sprach zu ihm (Jesus):

Herr, erlaube mir, vorher hinzugehen und meinen Vater zu begraben.

Jesus aber spricht zu ihm: Folge mir nach, und lass die Toten ihre Toten begraben!"

 

 Auch in der Mythologie des Hades (Unterwelt) gibt es eine Region, die Asphodelischen Felder, in der sich seelische Energien aufhalten, die sich nur lebendig fühlen, wenn sie einen Schluck Blut von Lebenden erhaschen (Vampirismus). Aus diesem „Tal, das nicht zu Asche werden kann“ (= Asphodelische Felder; Phönix aus der Asche) gibt es kaum ein Entrinnen, zumal die Seelen vom Wasser des Flusses Lethe (Vergessen) getrunken haben. Seelen dagegen, die aus dem Teich der Erinnerung getrunken haben und die sich ihrer Existenz entsinnen, erreichen die Gärten des Elysiums. Ihnen steht es frei, nochmals wiedergeboren zu werden.

 

Pluto / Skorpion als Wächter unseres Karmas lässt uns ganz neutral das ernten, was wir in der Vergangenheit gesät haben. Hier ist er wahrhaft Skorpion, indem er den Stachel der Tat gegen sich selbst richtet. Wir werden zum Opfer oder wir opfern uns selbst. Dieser gegen uns selbst gerichtete Stachel schafft unser Leiden, unsere Leidenschaft. Deshalb ist es so wichtig für uns, das von Jesus verkündete Gesetz zu beachten (Mt 7,12), das vom Volksmund etwa so transportiert wird:

 

"Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem andren zu!"

 

In der Regel jedoch verhalten wir uns ganz anders. Wir Opfer erkennen nicht unsere innere Verflochtenheit mit der Tat und versuchen uns bei der nächsten Gelegenheit am Täter zu rächen. Die Rache des Skorpions, auf die er manchmal ein Leben lang sinnt, kann fürchterlich sein. Ihm bedeutet es nichts, wenn darüber die Welt und er selbst zugrunde geht. Da ist er gnadenlos und kennt nur ein Gesetz: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Er hat erst dann seine Genugtuung, wenn es den Täter getroffen hat. So dreht sich natürlich das Rad des Schicksals und des Karmas über lange Zeit. Beispielsweise gibt es noch in vielen Gegenden unserer Welt das Gesetz der Blutrache. Aus dem Täter wird das Opfer, und aus dem Opfer wird wiederum ein Täter.

 

Aus der Opferrolle entsteht immer das Gefühl des Grolls und des Hasses, gerade dann, wenn wir uns in einer Partnerschaft aus vermeintlicher Liebe freiwillig geopfert haben. Irgendwann verlässt uns das Objekt unserer Liebe (Begierde) und wir fühlen uns im wahrsten Sinne als sein Opfer.

 

Als Täter und Opfer begegnen wir uns in den Inkarnationen immer wieder, um die Verflochtenheit unseres Rachespiels zu durchbrechen, und um uns miteinander auszusöhnen. Die Kraft, die uns immer wieder zusammenbringt, obwohl wir am liebsten einen großen Bogen umeinander machen würden, ist die Sexualität. Ebenso, wie sich die beiden Schicksale für einen bestimmten Zeitraum miteinander verbinden, vereinigen sich im sexuellen Akt auch die Seelen der beiden Persönlichkeiten. Dabei soll uns bewusst werden, dass das verfolgte und verhasste Wesen lediglich ein Teil von uns selbst war und ist, der vom Hass befreit und voller Liebe in uns angenommen werden will.

 

Sexualität als urweibliche Kraft (Pluto / Skorpion) ist in unserer Kultur stark tabuisiert. Daher fällt sie oft der Verdrängung zum Opfer und zeigt sich dann pervertiert in der Begegnung. Im Rahmen der Abwehr werden wir angeleitet, sie zu sublimieren (lat. sinngemäß: ersetzen durch Erhabenes). Die derart auf andere Ebenen verschobene Energie äußert sich dann in Treue, Verbindlichkeit, Opferbereitschaft, Pflichtgefühl, aber auch im Machtstreben, in der Unterdrückung, Zwanghaftigkeit, Gewalt bis hin zum Sadismus, Zerstörung und Mord, Manipulation, Erwartungshaltung, Forderungen, Kontrolle, Eifersucht sowie Autoaggression und Suizid.

 

 

Bild: Nicolas Raymond http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en_US