Die Symbolik der Osterfeiertage

© Wilfried Schütz 2016

Die christliche Botschaft schildert den Weg des GEISTES im Menschen, gleich der Parabel vom „verlorenen Sohn“, der sein zuhause verlies, (geistig) tot war und wieder lebendig wurde. Die Schilderung besitzt ihre astrologische Analogie zum geistigen Drittel des Tierkreises (siehe Abb.: Schütze – Steinbock – Wassermann – Fische). Die Botschaft verdichtet sich in zwei Feiertagszyklen: Im Weihnachtsfest und dessen Fortsetzung im Osterfest. Die Weihnachtsbotschaft berichtet über die Empfängnis des göttlichen Kindes durch Maria und die Geburt Jesu in Bethlehem. Nicht Anima (Maria, Wasserelement) und Animus (Joseph, Feuerelement) zeugen das Kind, sondern Maria (Neptun) wird vom göttlichen WORT schwanger.

   Nach der Hermetischen Lehre ist all das, was sich scheinbar in unserem Außen abspielt, die Projektion dessen, was sich in uns selbst, in unserem SELBST, ereignet. Maria (mare, Neptun) ist in uns und sie gebiert den Sohn Gottes (Uranus) in uns. Uranus, genannt Jesus (Heiliger Geist), entspricht dem göttlichen Atem (Luft-Element), der Inspiration, dem Licht und dem Leben in uns. Dieser Inspiration unterwirft sich unser Denken (Jupiter), gleichnishaft geschildert als die Anbetung Jesu (Uranus) durch die Weisen / Astrologen (Jupiter) aus dem Morgenland. Tröstlich ist dabei die Erkenntnis, dass die Sterne und die Kunde davon, die Astrologie, sie zum göttlichen Licht (Jesus, Erleuchtung) geführt haben.

   Jesus, ebenso wie unser innerer Jesus, muss jedoch vor dem „König“ Herodes, der ihm nach dem Leben trachtet, nach „Ägypten“ fliehen. Die Figur des Herodes ist die Projektion unseres EGO (Saturn). In dieser Geschichte und der Kreuzigung wiederholt sich der griechische Mythos von der Kastration des Uranos durch Chronos (Saturn). Die Weihnachtsgeschichte endet damit, dass Jesus und seine „Eltern“ so lange in „Ägypten“ bleiben, bis Herodes, unser EGO, gestorben ist. Dabei ist nicht das geographische Land Ägypten gemeint, sondern dieses „Ägypten“ steht für einen Seinszustand unseres EGO, in dem das Bewusstsein, der GEIST einer Spaltung (Urteil, Saturn) unterliegt und verfinstert ist. Gefangen in der Illusion der Materie, haben wir dort vergessen, wer wir sind und woher wir kommen, ein Zustand der uns allzu bekannt sein dürfte.

   Ebenso wie Weihnachten ist Ostern ein Fest, das auf uralte „heidnische“ (nichtchristliche) Feiern zurückzuführen ist. Dabei kann man feststellen, dass die heidnischen und christlichen Inhalte Analoges schildern und feiern. Das Osterfest ist ein Frühlingsfest. Ostersonntag fällt immer auf den ersten Sonntag nach Frühlingsvollmond, dem ersten Vollmond nach der Tagundnachtgleiche des Frühlings. Frühlingsfeste feiern die hervorbrechende Lebendigkeit nach einer langen Phase des „Todes“. Jakob Grimm (Gebrüder Grimm) verwies auf die Frühlings- bzw. Himmelsgöttin Ostara, der das Ei und der Hase heilig sind. Ei und Hase sind dabei viel mehr, als nur Umsatz steigernde Zutaten zum Osterfest.

   Das Ei ist das Fruchtbarkeitssymbol schlechthin. Als „Weltenei“ ist es Sinnbild der Totalität aller schöpferischen Kräfte. Mit seiner Hilfe versucht man zu erklären, wie aus dem ewigen unendlichen, in sich ruhenden, zeit- und formlosen Geist, den wir GOTT nennen, die in der Zeit Formen schaffende Schöpferkraft entsteht. Das Ei lässt den orphischen Gott Phanes, der „Leuchtende“ bzw. das Licht, entstehen. Einer seiner Gestalten ist der persische Gott Mithras. Hier lässt sich die Fruchtbarkeit des Welteneis auf das weibliche Prinzip des Neptuns (Himmelsgöttin) beziehen, von dem wiederum Uranus, das Licht bzw. Mithras, der Menschensohn geboren wird. Mithras steht dabei in Analogie zu dem christlichen Jesus. Es ist das Ei, aus dem das Licht und das Leben hervorbrechen! Das Ei verweist uns auf die Epiphanie (Gott Phanes), die Christen als Erscheinung des Göttlichen am 6. Januar feiern. So ist es dann kein Wunder, dass das Ei zum christlichen Auferstehungssymbol wird.

   In der Alchemie kennen wir das „Philosophische Ei“ (Neptun, Weisheit), das in Verbindung mit dem „Philosophischen Feuer“ (Jupiter, Denkkraft / Feuer der Begeisterung) den „Stein der Weisen“, die wahre Lebendigkeit, hervorbringt.

   Auch der Hase ist ein Fruchtbarkeitssymbol. Er wirkt jedoch auf einer anderen Ebene. Bringt das Ei seine „Schöpfungen“ auf der geistigen Ebene des Neptuns hervor, so bringt der Hase als Mond-Symbol das Leben auf der körperlichen Ebene hervor. Der Mond ist ja die Herrin der lebendigen Körperwelt, der Natur.

   Erinnern wir uns! Zu Ende der Weihnachtsgeschichte ist der Menschensohn mit seiner Göttlichkeit in „Ägypten“ versumpft. Und nun kommt mit dem Osterfest seine Fortsetzung. Dieses Fest hat seine Wurzeln im jüdischen Pessach-Fest. In ihm wird der Auszug aus „Ägypten“ gefeiert. So ist Ostern das Fest der Rückkehr des göttlichen Menschen nach Jerusalem, der heiligen Stadt des Friedens (Paradies). Der verlorene Sohn kehrt nach Hause zurück. Der hermetischen Lehre folgend, findet diese Rückkehr zu gegebener Zeit in jedem einzelnen Menschen statt und gipfelt in der Erleuchtung, der Auferstehung des göttlichen Lichts (Jesus, Uranus) in uns.

   Auf den Ablauf der Rückkehr will uns der Karwochenzyklus aufmerksam machen. Er geschieht als Bewusstwerdungsprozess in mehreren Etappen, die uns in den Tagen der Karwoche geschildert werden. Der Name „Karwoche“ leitet sich von dem althochdeutschen „Kara“ ab, was Klage, Kummer, Trauer bedeutet. Auf unserem Weg nach Jerusalem, der ein Weg schrittweiser schmerzhafter Bewusstwerdung ist, ist der erste wichtige Schritt (Gründonnerstag) die Erinnerung an den inneren Jesus. Hierzu dient das Ritual des Abendmahls: „ ... das tut zu meinem Gedächtnis“! In der Folge wird uns bewusst, dass wir ihn (in Ägypten) verraten (Judas), verleugnet (Petrus) und obwohl selbst Pilatus keine Schuld an ihm finden konnte verurteilt haben (Saturn). Wir folgten, um in Ägypten nicht aufzufallen einfach dem Kollektivverhalten (Saturn, Kollektivneurose). Das „Volk“ forderte seine Verurteilung und wir stimmten einfach zu. Uns wird bewusst, wie unser EGO (Saturn) in der Gestalt des Herodes mit ihm Hohn und Spott getrieben hat. Im nächsten Schritt (Karfreitag) durchleiden wir die Kreuzigung, die identisch mit der Kastration des Uranos durch Chronos ist und die Entmachtung des Göttlichen in uns zur Folge hat. Uns wird bewusst, dass wir Jesus in uns begraben haben (Karsamstag), sodass unsere wahre geistige Lebendigkeit (Uranus) gestorben war. Stattdessen lebten wir nach den Normen (Saturn) und Erwartungen (Pluto) der Gesellschaft „Ägyptens“: Ein fremdes Leben, einem Zombie gleich.

   Im Gegensatz zur kirchlichen Auffassung, dass der Kreuzestod Jesu uns von den Sünden erlöst habe, bin ich überzeugt, dass uns das Symbol der Kreuzigung lediglich bewusst machen will – wie außen, so innen – in welch schrecklichem Zustand sich das ans Kreuz von GUT und BÖSE geschlagene Göttliche in uns befindet. Diese Erkenntnis kann zu unserem Heil beitragen.

   Nachdem uns das Grauen, das wir unserem Uranus (göttliches Licht) aus unserer urteilenden Perspektive (Saturn) angetan haben, bewusst geworden ist, kann es zur Rehabilitation und wieder Auferstehung unseres uranischen Geistes kommen. Wir erwachen vom geistigen Tod und das Göttliche entsteigt seinem Kerker (Grab). Eine deutliche Analogie hierzu zeigt uns die Karte XX, das Gericht, im Tarot. Diese Heilung feiern wir am Ostersonntag: Die Auferstehung des „Herrn“ (Uranus) in uns. Unser Leben wird fortan von dessen geistigen Impulsen bestimmt. Wir leben inspiriert, da unser Wille (Sonne) dem himmlischen Willen (Uranus) entspricht.

   All dies passiert eines Tages auch in jedem einzelnen von uns, indem nach einer langen Phase des geistigen Todes (Saturn) die wahre geistige Lebendigkeit (Uranus) und Fruchtbarkeit in unser Bewusstsein durchbricht. Dann ist auch für uns die Zeit der Osterfeier gekommen.


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Es ist das Osterfest alljährlich für den Hasen recht beschwerlich. (Wilhelm Busch)